Blick in die Forschung

Blended Learning an berufsbildenden Schulen

Berufsbildende Schulen, insbesondere in ländlichen Räumen, sehen sich wachsenden Herausforderungen gegenüber: Mobilitätsbarrieren lassen die duale Ausbildung unattraktiver erscheinen, schlagen sich in einer sinkenden Zahl an Schüler/innen nieder und führen schlimmstenfalls zur Schließung von Ausbildungsgängen. Die Ergänzung des Unterrichts durch digitale Methoden im Sinne des Blended Learning bietet Potenzial, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Wie sie sich in den Ausbildungsalltag integrieren lassen, wurde am Zukunftszentrum Holzminden-Höxter (ZZHH) der HAWK erforscht [1].

Ziele & Ansatz

Entsprechend dem vollständigen Projekttitel „Blended Learning an berufsbildenden Schulen: Attraktivitätssteigerung dualer Berufsausbildung in ländlichen Räumen durch innovative Lernszenarien“ wurden Rahmenbedingungen, Voraussetzungen und Erfolgsfaktoren für gelingende digitale Lehre im schulischen Teil der dualen Berufsausbildung herausgearbeitet. Darüber, dass die Einbindung zeitgemäßer, digitaler Medien in den Unterricht zeitnah priorisiert werden muss, sind sich alle politischen Entscheidungsträger/innen einig. Unter dem Motto „Arbeit 4.0 braucht Bildung 4.0“ [2] wird die Notwendigkeit einer den Veränderungen in der Arbeitswelt Rechnung tragenden (Berufs-)Bildung an vielen Stellen erkannt. Das Projekt lässt sich vor diesem Hintergrund in verschiedene bundesweite Kontexte, wie beispielsweise den Digitalpakt des BMBF [3], einordnen.

Aktuell sind die Voraussetzungen für entsprechende Veränderungen allerdings an den wenigsten Schulen erfüllt: Weder sind flächendeckend technische Ausstattung und entsprechend notwendige Bandbreiten vorhanden, noch sind die Lehrkräfte an den Schulen technisch und methodisch für Implementation und dauerhafte Nutzung ausgebildet. Die schwerwiegendste Problemstellung sehen die Forscher/innen jedoch in den noch zu erstellenden Lehrmaterialien.

Um effiziente, arbeitsteilige Lösungsansätze zur Überwindung dieser Hindernisse entwickeln zu können, bildete das ZZHH ein Projektteam mit verschiedenen Partnern aus Entwicklung und Praxis: Einerseits mit Lehrkräften und Leitungsteams der berufsbildenden Schulen in Duderstadt und Holzminden und andererseits mit dem Institut für Lerndienstleistungen der TH Lübeck. Darüber hinaus mit der IHK zur Gewährleistung der Vereinbarkeit der neu erarbeiteten Ansätze mit dem beruflichen Alltag der Auszubildenden.

Gemeinsam wurden Rahmenbedingungen, Arbeitsabläufe und Methoden identifiziert und erstellt, von den beiden teilnehmenden berufsbildenden Schulen in den Ausbildungsgang des Groß- und Einzelhandels implementiert und durch das ZZHH die Perspektive von Lehrkräften, Schüler/innen und Unternehmen evaluiert. Im März 2018 wurden Zwischenergebnisse mit Entscheidungsträger/innen und Expert/innen aus Bildung, Wirtschaft und Politik im Rahmen einer zweitägigen Veranstaltung vorgestellt, erprobt und weiterentwickelt.

Ergebnisse

Die erzielten Ergebnisse des Projektes erlauben sowohl Aussagen über Umsetzbarkeit und Wirkung digitaler Lernszenarien, als auch über die dafür notwendigen Fortbildungsprozesse und die Auswirkungen auf Attraktivität, Image und Organisationsstrukturen.

Hinsichtlich des Lehrablaufs bieten digitale Lernszenarien die Möglichkeit einer tieferen Binnendifferenzierung. Die Auswahl der individualisierten Materialien kann sich sehr viel enger an den tatsächlichen Bedarfen der einzelnen Schüler/innen orientieren und diese so zielgerichtet fördern. Der Weg hin zu derart vielfältigen und individualisierten Materialien gestaltet sich jedoch ungleich schwerer: Die Textbasis der Materialien muss für eine bedarfsgerechte Gestaltung durch die betreuenden Lehrkräfte selbst angefertigt werden. Insbesondere für in der Erstellung von Lehrmitteln unerfahrene Personen eine sehr schwierige und zeitaufwändige Aufgabe. Die im Projekt teilnehmenden Lehrkräfte haben sowohl Dienst- als auch Freizeit in diese Aufgabe investiert. Zusätzlich müssen diese Grundlagen intensiv mit professionellen Autor/innen und Gestalter/innen abgestimmt werden ehe sie in den Unterricht übernommen werden können.

In der Umsetzung der auf diese Art erarbeiteten Materialien kommen sowohl auf die Lehrkräfte als auch auf die Schüler/innen tiefgreifende Veränderungen in der eigenen Rolle und in den Abläufen zu. Zunächst müssen beide Seiten Kompetenzen und Affinität im medialen Bereich entwickeln. Bei Schüler/innen ist diese durch eine umfängliche Nutzung im privaten Alltag oft gegeben, bei Lehrkräften ist sie z.T. nur eingeschränkt vorhanden. Darüber hinaus verschiebt sich durch die Reorganisation das Verantwortungsgefüge zwischen Lehrkräften und Schüler/innen. Lehrkräfte müssen Verantwortung an Schüler/innen abgeben, die sich ihrerseits höheren Anforderungen hinsichtlich des Zeitmanagements gegenübersehen.

Hinsichtlich der zeitlichen Flexibilisierung, die mit Hilfe digitaler Methoden durchaus abbildbar wäre, wünschen sich sowohl Schüler/innen als auch Lehrkräfte einen klar abgesteckten Rahmen, der sich innerhalb der gewohnten Schul- und Lernzeiten bewegt. Die eingangs erwähnten Mobilitätsbarrieren lassen sich mithilfe von Blended-Learning-Methoden abschwächen. Die Schüler/innen der beiden teilnehmenden Schulen sind aktuell noch stark auf das Auto angewiesen, der ÖPNV ließe sich nur unter erheblichem Zeitaufwand bzw. z.T. überhaupt nicht nutzen. Die Verlagerung von Teilen des Unterrichts an den Wohnort der Schüler/innen würde hier erhebliche Vorteile bieten und wird von den Schüler/innen begrüßt. Allerdings würde sie auch die Gewährleistung einer funktionierenden technischen Infrastruktur zu Hause voraussetzen. Insbesondere hinsichtlich sozial schwächer gestellter Schüler/innen bleiben diesbezüglich Fragen offen.

Insgesamt verdeutlichen die Forschungsergebnisse des Projektes, dass eine Integration agiler, digitaler Lehr- und Lernmethoden von allen beteiligten Akteursgruppen sehr begrüßt wird und einen signifikanten Beitrag zur Attraktivitätssteigerung bzw. -sicherung dualer Ausbildungen im ländlichen Raum leisten kann. Diese Integration ist allerdings mit einem erheblichen finanziellen und zeitlichen Aufwand verbunden. Um diesem möglichst schlagkräftig begegnen zu können, empfehlen die Wissenschaftler/innen des ZZHH die Gründung eines länderübergreifenden Verbundes, der Expertisen sowie finanzielle und personelle Ressourcen bündelt, somit die cooperative Entwicklung digitaler Lernszenarien ermöglicht und Aspekte wie Qualitätssicherung, Urheberrecht, Datenschutz und Rechtssicherheit gewährleistet.

Gefördert wurde das Projekt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) im Rahmen der Richtlinie zur Förderung innovativer Bildungsprojekte in der beruflichen Erstausbildung, aufgenommen in das Südniedersachsenprogramm.

Referenzverzeichnis

[1] Engel, A., Brunn, C., Günther, C. Petersheim, A. u. S. Schenk (2018) Blended Learning an berufsbildenden Schulen.

[2] Widuckel, W. (2017): Arbeit 4.0 braucht Bildung 4.0. Die Gestaltung der digitalen Arbeit wird darüber entscheiden wer Gewinner und wer Verlierer ist.

[3] Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2016): Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft. Strategie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Dieser Blick in die Forschung basiert auf Engel, A., Brunn, C., Günther, C. Petersheim, A. u. S. Schenk (2018) Blended Learning an berufsbildenden Schulen. Aus: Blended Learning an berufsbildenden Schulen (Abfrage: 05.02.2019) und der Nachlese zu der erwähnten Tagung am ZZHH im März 2018. Das Projekt „Blended Learning ─ Steigerung der Attraktivität dualer Berufsausbildung in ländlichen Räumen durch innovative Lernszenarien“ wurde in Kooperation des ZZHH mit den berufsbildenden Schulen Holzminden und Duderstadt, der IHK, der Duderstadt 2020 GmbH und der FH Lübeck durchgeführt.      

Ansprechpartner

Prof. Dr. Alexandra Engel
Zukunftszentrum Holzminden-Höxter
05531-126-192